23.03.15 | 20:15 Uhr

Tödliche Therapie

von Robert Liebscher
Regina Köhler heftet ein Bild ihrer verstorbenen Bekannten an einen Baum. © ndr/ beckground tv

Regina Köhler mit dem Bild eines verstorbenen Patienten von Garri R.

Im September 2009 sorgt der Fall des Berliner Psychotherapeuten Garri R. bundesweit für Schlagzeilen. Während einer Gruppentherapie in seinem Haus in Hermsdorf kommt ein Teilnehmer ums Leben, ein zweiter verstirbt am gleichen Abend im Krankenhaus und sechs weitere kollabieren. Schnell entsteht der Verdacht, dass es sich bei den Vorgängen in der Praxis von Garri R. um weit mehr als einen tragischen Unfall handelt. Die Ermittlungen ergeben, dass Garri R. seinen Patienten unter anderem die illegale Droge MDMA verabreicht hatte, den Wirkstoff von Ecstasy. Als Schüler des umstrittenen Schweizer Psychiaters Samuel Widmer, der im Kanton Solothurn seit 25 Jahren eine sektenartige Gemeinschaft mit "psychotherapeutischen Settings" und "alternativen psychiatrischen Methoden" sowie "freier Liebe" aufgebaut hat, behandelte Garri R. anscheinend bereits seit Jahren psychisch Kranke mit illegalen Rauschmitteln.

Gehirnwäsche statt Heilung

Regina Köhler war eine von zwölf Teilnehmern der Therapiesitzung mit Todesfolge. Bis heute ist es für sie unfassbar, wie sie damals in die Hände von Garri R. geriet: "Ich wurde im Februar 2009 von einer psychosomatischen Klinik nach neunwöchiger Behandlung zu Herrn Garri R. überwiesen. Ich vertraute der Empfehlung der Klinik und der Doppelqualifikation des Arztes. […] Ich dachte, ich befände mich in psychotherapeutischer Behandlung bei einem kassenärztlich zugelassenen Arzt." Rückblickend meint Regina Köhler heute: "Diese Behandlung entsprach weder den gesetzlichen Anforderungen, noch der ärztlichen Sorgfaltspflicht, noch meinem Krankheitsbild. […] Stattdessen wurde ich eineinhalb Jahre lang einer Art Gehirnwäsche unterzogen, durch die ich meiner freien Willens- und Urteilsfähigkeit beraubt wurde und in Abhängigkeit von Herrn R. und der Gruppe geraten bin."

Scheinwelten entstehen

Durch die Drogenbehandlungen seien Scheinwelten entstanden, in die die Patienten zwangsläufig abgeglitten seien, berichtet Regina Köhler. Dabei soll Garri R. während der Sitzungen stets das Wort "Droge" vermieden haben. Stattdessen habe er ehrfürchtig von "helfenden Substanzen" gesprochen und eindringlich deren heilende Wirkung für die menschliche Psyche beschworen, erzählt Köhler über die Therapiemethoden: "Das Ziel war Gesundung. Die Drogen waren die beste Möglichkeit, wie man ganz und heil werden konnte. Sie waren keine gefährlichen Drogen, sondern Heilsmittel. Je mehr man davon nahm, desto schneller konnte man ein gesunder Mensch werden. Alle, die das nicht verstanden, waren dumm, die Gesellschaft wurde zu einem Feind der Gesundung, die es zu verteidigen galt."

Regina Köhler hat die verherrlichten Drogen trotzdem nie genommen. Sie hatte schon oft erlebt, dass Medikamente bei ihr unkalkulierbar wirkten und hatte Angst vor den Folgen. Da Herr R. und die übrigen Gruppenmitglieder ihr aber immer wieder sagten, sie könne ohne diese Mittel wahrscheinlich nicht gesund werden, bemühte sie sich unablässig zu beweisen, dass sie auch ohne Drogen ganz und heil werden könnte. "Ich veränderte mich, verhielt mich immer mehr wie ein Kind, sprach in einer veränderten Sprache, dachte, ich muss die reine Liebe verkörpern, dachte, ich sei göttlich und müsse dieses Heil auch anderen Menschen bringen. Es gab keine Gedanken mehr, keine Kritik, nur noch Emotionen. Herr R. und die Gruppe waren das Maß aller Dinge und ich wollte mich ihnen völlig öffnen."

Prozess und Haft

Nach einem ersten Prozess im Jahr 2010 und folgender Revision durch den Bundesgerichtshof wurde Garri R. im Mai 2011 wegen zweifacher Körperverletzung mit Todesfolge und fünffacher fahrlässiger Körperverletzung endgültig zu einer Haftstrafe von vier Jahren und drei Monaten verurteilt. Was denkt Regina Köhler heute über diese Praktiken? "Es war kein Unfall, sondern die tragische Folge eines dauernden Missbrauchs von gesetzlich verliehener Macht. Die Teilnehmer waren schutzbedürftige Menschen, die ihres freien Willens beraubt waren und die die feste Überzeugung hatten, sie seien dort freiwillig und selbstverantwortlich."

Während seiner Haftzeit äußerte Garri R. kaum Bedenken an seiner Drogen-Therapie. Aus dem Gefängnis schrieb er in einem Brief, dass nur er allein, nicht aber die Therapie selbst versagt habe. Und auch sein Lehrer, Samuel Widmer, praktiziert weiterhin im schweizerischen Lüsslingen. Nach wie vor kommen Menschen, auch aus Deutschland, in Widmers Praxis, um sich in seine "Substanzen-gestützte" Therapie einführen zu lassen. Dies hat nun allerdings die Schweizer Behörden auf den Plan gerufen. Eine soziale Institution hat Strafanzeige gestellt, außerdem fanden am Donnerstag, dem 19. März 2015, mehrere Hausdurchsuchungen in Lüsslingen statt.

Stand: 23.03.15 18:37 Uhr