23.03.15 | 20:15 Uhr

Samuel Widmers umstrittene Drogentherapie

von Robert Liebscher
Samuel Widmer und seine Frau Danièle Widmer Nicolet. © ndr/ beckground tv

Samuel Widmer und seine Frau Danièle Widmer Nicolet.

Samuel Widmer wendet seit mehr als 25 Jahren in seiner ärztlichen Praxis "Psycholyse" an, eine Psychotherapie unter Einsatz halluzinogener und bewusstseinsverändernder Stoffe. Sie sollen psychische Blockaden lösen und werden von Widmer als "Türöffner" ins Unbewusste verklärt. 1989 schreibt Widmer in seinem Buch "Ins Herz der Dinge lauschen" über seinen Beginn als Therapeut: "Von allem Anfang an war mir klar, dass ich mit Psycholytika arbeiten würde, da ich sie, eingebaut in den therapeutischen Prozess, als die wichtigste und potenteste Hilfe erfahren habe. […] Als ich dann meine Praxis eröffnete, lag natürlich die Bewilligung nicht vor, was mich aber nicht hinderte, mit der Arbeit zu beginnen." ("Ins Herz der Dinge lauschen", S. 26)

Fast 200 Menschen haben sich Widmers Lehre mittlerweile angeschlossen und bilden in der Region Lüsslingen-Nennigkofen seit 1996 die "Kirchblütengemeinschaft". Zusätzlich kommen jedes Jahr hunderte Teilnehmer aus der Schweiz und Deutschland in Widmers Seminare.

Wissenschaftlich nicht anerkannte Therapie

Samuel Widmer und einige andere Schweizer Ärzte besaßen zwischen 1988 und 1993 zwar eine Sondergenehmigung des Eidgenössischen Bundesamtes für Gesundheit (BAG), die es ihnen erlaubte, mit halluzinogenen Stoffen zu therapieren. Diese Genehmigung wurde allerdings nicht wieder erneuert. Seitdem behauptet Widmer, lediglich mit legalen Substanzen zu arbeiten. Der Direktor der Charité-Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie in Berlin-Mitte bestätigt, dass "psycholytische" Therapien seit mehr als 20 Jahren wissenschaftlich nicht mehr anerkannt seien. In einem Interview mit "Der Zeit" sagt er: "Psychotherapie soll Menschen befähigen, selbstbestimmt zu handeln – Verabreichung von Drogen ist das Gegenteil." Therapeuten, die im Rahmen einer "Psycholyse" illegale Drogen verabreichen, machen sich weiterhin strafbar.

Verdacht und Tarnung

Als das Team Beckmann im Dezember 2014 mit einer Aussteigerin Samuel Widmers in Kontakt kommt, erzählte diese ebenfalls von dessen therapeutischen Einsatz illegaler Drogen. Ob ihre Angaben stimmen, sollte einer unserer Reporter überprüfen. Undercover nahm er Mitte Februar 2015 an einem Tagesseminar in Widmers Haus teil. Schon im Vorgespräch wurde der Undercover-Reporter darauf hingewiesen, an der Tarnung der Gruppe aktiv mitzuarbeiten. Ihm wurde gesagt, dass hier illegale Substanzen konsumiert werden und er dies nicht nach außen kommunizieren dürfe.

Verdeckt im Seminar

Am Tag des Seminars saß er mit etwa 20 weiteren Teilnehmern im großen Gruppenraum. Die Leiterin Danièle Widmer Nicolet schlug vor, heute eine besondere Mischung zu verabreichen, einen Cocktail aus Meskalin und MDMA, dem Wirkstoff von Ecstasy. Anschließend ging ein Mann aus dem Raum und kam mit zwei Schalen in Form großer Bronzekröten wieder. In ihnen befanden sich Dutzende kleiner Tabletten. Der Mann schritt die einzelnen Teilnehmer im Kreis ab und hielt ihnen die Schalen hin. Selbstständig nahmen sich die Teilnehmer jeweils eine Tablette aus einer Schale. Weder wurden die Teilnehmer über die möglichen Risiken aufgeklärt, noch fand eine individuelle Dosierung statt. Alle, ob groß oder klein, dick oder dünn, nahmen die gleiche Menge. Unserem Undercover-Reporter gelang es, die Tabletten nicht zu nehmen und sie in einem Taschentuch zu verstecken. Später am Abend übergab er sie einem Arzt, der sie in ein Labor zur Überprüfung schickte. Wenige Tage später ergab der Test im Labor ein eindeutiges Ergebnis: Die im Hause Widmer verteilten Tabletten enthielten tatsächlich Meskalin und MDMA.

Ein Kollege von #BECKMANN © NDR/beckground tv

Ein unheimlicher Therapie-Trip
Ein Reporter von #BECKMANN wagte sich undercover in ein zweifelhaftes Therapieangebot. Beim Treffen mit Teamarzt Dr. Welcker wurde klar: Es war noch schlimmer, als er erwartet hatte.

Interview mit Reinhold Beckmann

Im Interview mit Reinhold Beckmann antwortet Widmer Anfang März 2015 auf die Frage, was er heute einsetze: "Das Ketamin und das Ephedrin, diese beiden […] Substanzen, […] die zwei genügen uns eigentlich. Und die sind, ja, auch ok." Beide Stoffe fallen nicht unter das Schweizer Betäubungsmittelgesetz, es handelt sich allerdings um verschreibungspflichtige Medikamente. So wird Ketamin vorrangig als Narkosemittel eingesetzt.

Hausdurchsuchungen in Lüsslingen

Am 19. März 2015 fanden im schweizerischen Lüsslingen mehrere Hausdurchsuchungen statt. Im Visier der Fahnder waren die Praxisräume Samuel Widmers, nachdem eine soziale Institution Strafanzeige gestellt hatte. Es besteht der Verdacht des Verstoßes gegen das Betäubungsmittelgesetz. Die Polizei führte zusätzlich Befragungen im Ort durch. Wie der Schweizer "Tagesanzeiger" berichtet, wurden keine illegalen Drogen gefunden. In dem Artikel zeigen sich Aussteiger davon nicht überrascht. Die Drogen "würden nicht im Haus von Widmer oder seiner direkten Nachbarn gelagert" werden. Die Staatsanwaltschaft Solothurn bestätigte den Eingang einer Strafanzeige und die Eröffnung eines Strafverfahrens gegen Dr. Samuel Widmer wegen Widerhandlungen gegen das Betäubungsmittelgesetz.

Stand: 23.03.15 18:45 Uhr