23.03.15 | 20:15 Uhr

Recht: Was darf ein "Heiler"?

von Bettina Meier, #BECKMANN
Hände berühren fast den Kopf eines Mannes. © Fotolia/ Nikki Zalewski Fotograf: Nikki Zalewski

Jeder darf sich Heiler nennen.

Sie wollen durch Handauflegen Energie übertragen, kraft ihrer Gedanken Krankheiten heilen und Schicksale positiv beeinflussen - unzählige Menschen glauben oder behaupten, dass ihre vermeintlichen spirituellen Begabungen anderen helfen könnten. Den selbsternannten Heilern kommt entgegen, dass der Esoterikmarkt durch den Gesetzgeber wenig reguliert ist. Jeder darf sich Heiler oder Therapeut nennen und seine Dienste den Menschen anbieten, solange er nur ein Gewerbe anmeldet und seine Steuern zahlt. Wie viel eine Stunde beim Geistheiler oder der Tarot-Lebensberaterin wert ist, liegt im Ermessen des Anbieters. So empfiehlt der Dachverband geistiges Heilen e.V. einen Stundensatz von 80 Euro nicht zu überschreiten. Im Internet bietet zum Beispiel eine Kartenlegerin 15 Minuten ihres Dienstes für 25 Euro an.

Die Ausübung von Heilkunde

Außer Ärzten dürfen nur ausgebildete Menschen Heilkunde entsprechend dem Heilpraktikergesetz ausüben. Das bedeutet, sie brauchen eine Erlaubnis von den zuständigen Behörden. Und diese bekommen sie nur, wenn sie ausreichende Fachkenntnisse etwa in Anatomie oder Diagnostik nachweisen können. Sie müssen also eine anerkannte Ausbildung abgeschlossen haben.

Das trifft zum Beispiel auf Heilpraktiker oder Psychotherapeuten zu - nicht aber auf Geistheiler oder andere "medizinische Laienbehandler", wie die Sekteninfo Nordrhein-Westfalen auf ihrer Internetseite schreibt. Demnach dürfen Geistheiler nur Handlungen vollziehen, die "darauf abzielen, dem eigenen Gesundungswillen des Kranken zu stärken". Heilung darf er nicht versprechen. Auf keinen Fall sollte der Eindruck entstehen, die Behandlung durch den Geistheiler ersetze den Besuch beim Arzt oder Heilpraktiker. Darauf muss ein Geistheiler immer hinweisen.

Gerichte setzen sich immer wieder mit den Praktiken von Geistheilern auseinander. Im Einzelfall wird abgeschätzt, ob die vorgenommene Behandlungsmethode als "Heilkunde im Sinne des Heilpraktikergesetzes" einzustufen ist. Nur dann kann eine weitere Ausübung der Tätigkeit eines Geistheilers untersagt werden. Es ist jedoch davon auszugehen, dass viele Kunden nicht genau wissen, was Heiler und Therapeuten alles dürfen und was ihnen untersagt ist.

Ein verhindertes Gesetz: Das Lebensbewältigungshilfegesetz

Dieses Problem wurde bereits 1998 erkannt. Damals kam eine von der Regierung eingesetzte Enquete-Kommission "Sogenannte Sekten und Psychogruppen" zu dem Ergebnis, dass es eine wachsende "Methodenvielfalt im heilkundlichen Bereich" gebe und deswegen erhebliche Risiken bestehen würden, "dass Patienten versehentlich oder durch Heilschwindler falsch behandelt werden und hierdurch Schaden erleiden". Im Abschlussbericht ist zu lesen: "Der Staat hat unter diesen Umständen eine verstärkte Pflicht, den derzeit unübersichtlichen Markt der Heilmethoden zum Schutz der Kunden transparent zu gestalten."

Unter anderem sollte ein Gesetz zur "gewerblichen Lebensbewältigungshilfe" dazu beitragen, den Markt zu definieren und zu regeln. Zwar arbeitete die Bayerische Staatsregierung einen Gesetzesentwurf aus, jedoch beschloss der Bundesrat 2004 diesen nicht in den Bundestag einzubringen. Laut der Elterninitiative zur Hilfe gegen seelische Abhängigkeit und religiösem Extremismus e.V. war eine der Begründungen des Rechtsausschusses, dass das Gesetz zu einer "erheblichen Überregulierung und einer damit verbundenen Gefährdung kleiner Anbieter von persönlichen Dienstleistungen führt".

Aus Sicht der Ermittlungsbehörden ist es aufgrund der aktuellen Rechtslage manchmal schwierig, erfolgreich gegen falsche Heiler und Scharlatane vorzugehen. Für Kriminalkommissar Harry Bräuer, Leiter der Opfer- und Beratungsstelle für Betroffene von Eso- und Psychogruppen, mache es sich der Staat etwas einfach. Im Interview mit der ARD Reportage #BECKMANN erklärt er, dass das Lebensbewältigungshilfegesetz ursprünglich Kriterien für entsprechende Angebote festlegen sollte. "Das wäre auf dem Verbrauchermarkt eigentlich ein wichtiger Anhaltspunkt" für die Menschen gewesen, meint Bräuer. Doch dazu ist es bis heute nicht gekommen.

Stand: 19.04.16 10:48 Uhr