07.09.15 | 20:15 Uhr

Pro und Contra: Gehört der Wolf nach Deutschland?

Die einen wollen ihn in der Nähe von Siedlungen konsequent abschießen, die anderen befürworten eine völlige Ausbreitung. Der Wolf sorgt in Deutschland für Konfliktpotenzial. Reinhard Jung, Geschäftsführer des Bauernbundes Brandenburg, meint, dass man den Wolf "mit Wattebällchen nicht beeindrucken" könne und sieht die Weidehaltung bedroht. Ulrich Wotschikowsky, Wildbiologe und Betreiber der Webseite "Wölfe in Deutschland", hingegen findet, der Mensch sei "moralisch verpflichtet", den Wolf sich ausbreiten zu lassen und sagt, der Räuber sei "für Menschen keine Gefahr". Wirtschaftliche Schäden für Nutztierhalter ließen sich ausgleichen. Ein Pro und Contra.

Gehört der Wolf nach Deutschland?
Reinhard Jung, Bauernbundsprecher:Ulrich Wotschikowsky, Wildbiologe:
Der Wolf war hier früher einmal heimisch. Als Bauer würde ich allerdings nicht behaupten, dass er uns in den letzten 200 Jahren sonderlich gefehlt hat. Seine Ausrottung gehört in den Kontext einer besseren landwirtschaftlichen Nutzung der Grünlandniederungen Anfang des 19. Jahrhunderts durch Verkoppelung. Aus der Hütewirtschaft wurde damals die Weidewirtschaft. Deshalb stimmt es nicht, wenn selbst ernannte Naturschützer sagen, die Bauern müssten wieder lernen, mit dem Wolf zu leben. Weide und Wolf gab es bisher nie nebeneinander und sie passen auch heute nicht zusammen.
Aus unserer Sicht geht es zunächst einmal um die ganz banale ökonomische Tatsache, dass mehr Wölfe die Weidehaltung teurer und irgendwann unmöglich machen.

Was wir grundsätzlich ablehnen, ist die rücksichtslose Ausbreitungsstrategie, die leider auch unsere Landesregierung und Bundesregierung nach wie vor praktizieren, indem sie sich auf den europäischen Schutzstatus berufen. Die Leute, die da entscheiden, sind meistens Großstädter, die natürlich keine Tiere auf der Weide halten und keine Kinder in den Wald Pilze sammeln schicken. Von solchen Ignoranten wollen wir uns nicht vorschreiben lassen, wie wir auf dem Lande in Zukunft leben dürfen.

Selbst mein Deckbulle ist zwar hundert Mal ungefährlich für den Menschen. Aber wenn er beim 101. Mal schlechte Laune hat und ich einen Moment nicht aufpasse, könnte ich damit die Liste tödlicher Arbeitsunfälle unserer Berufsgenossenschaft verlängern. Im Gegensatz zum gemütlichen rotbunten Rind, das ich halte, ist der Wolf ein Raubtier, ein großes Raubtier, das einen erwachsenen Menschen mit einem Kehlbiss in Sekundenschnelle töten kann. Und im Gegensatz zum gemütlichen rotbunten Rind, das auf meinem Hof jeden Tag merkt, wer der Chef ist, hat der Wolf durch seinen Schutzstatus gewissermaßen Narrenfreiheit. Wenn er nicht ganz dumm ist, findet er das irgendwann heraus. Und lassen Sie ihn dann mal Hunger haben … Wie naiv sind wir eigentlich?

Für die Probleme mit dem Wolf streben wir pragmatische Lösungen an, keine erneute Ausrottung. Dazu gehört, dass der Schutzstatus angepasst werden muss angesichts einer erheblich gewachsenen, sich über das Baltikum und Polen bis nach Deutschland erstreckenden Population. Eine denkbare Lösung wäre, dass man Wolfsschutzgebiete ausweist, in denen der Wolf nicht gejagt werden darf, während er in der Nähe von menschlichen Siedlungen oder Viehweiden konsequent geschossen wird. Mit Wattebällchen werden Sie Wölfe nicht beeindrucken.
Die Frage, ob der Wolf nach Deutschland gehört, bricht ein Tabu. Sie ist eine Anmaßung gegenüber der Schöpfung, die uns den Wolf gegeben hat. Der Mensch ist moralisch verpflichtet, die Schöpfung zu erhalten. Dazu gehören auch Tiere, die nicht bequem sind. Wir haben den Wolf ausgerottet, nun kehrt er von selbst zurück. Das ist eine schöne Nachricht. Deshalb Ja, der Wolf gehört nach Deutschland, ohne Wenn und Aber.

Wölfe gehen alle etwas an. Wölfe sind nicht gratis zu haben, und viele Menschen machen sich Sorgen, berechtigt oder nicht. Das alles muss ernst genommen werden. Wir brauchen klare Pläne, wo die Verantwortlichkeiten im Umgang mit Wölfen eindeutig geregelt sind. Priorität hat eine schnelle, überzeugende und zufriedenstellende Begleichung von Nutztierrissen durch die Allgemeinheit. Ebenfalls sehr wichtig ist eine sensible Öffentlichkeitsarbeit und Aufklärung bei der Landbevölkerung. Wölfe erzeugen Konflikte, und Konflikte lassen sich nicht bürokratisch lösen, sondern mit Sachverstand, konstruktiven Gesprächen und gutem Willen.

Statistisch gesehen ist die Gefahr für den Menschen durch den Wolf bei Null. In Europa - ohne Russland, Weißrussland und Ukraine - leben etwa 12.000 Wölfe, und nichts passiert. Und das, obwohl diese Wölfe alle mehr oder weniger in der Kulturlandschaft leben. Denn Europa hat ja keine Wildnis mehr. Viele Siedlungen werden nachts, manchmal auch tagsüber von Wölfen besucht, ohne dass sie den Menschen etwas tun. Der Wolf ist für Menschen keine Gefahr.

Zu den Forderungen nach einer Abschussfreigabe kann ich nur sagen: Deutschland bietet Platz für ein paar Tausend Wölfe. Derzeit sind es gerade mal etwa 400, und die meisten Bundesländer haben noch gar keine. Allein deshalb verbietet sich derzeit der Gedanke an eine Bejagung. Ob die Wölfe durch Abschuss kontrolliert werden sollen, wird sich zeigen. Wölfe haben sehr strenge Regeln, sich nicht übermäßig zu vermehren, und die zivilisationsbedingten Verluste durch Straßenverkehr und illegale Jagd tun ein Übriges. Wenn sich Konflikte nicht anders lösen lassen, ist Bejagung natürlich ein Mittel der Wahl. Aber so weit sind wir noch lange nicht.

Stand: 03.09.15 13:18 Uhr