08.06.15 | 20:30 Uhr

Die vergessenen NS-Massaker

von Finn Rütten
Wehrmachtssoldaten im griechischen Ort Distomo © 1944 Unbekannter Fotograf Fotograf: Unbekannter Fotograf

Der Überfall auf Distomo am 10. Juni 1944 war eine Vergeltungsaktion deutscher Soldaten.

Es ist der 10. Juni 1944. Während in Frankreich SS-Soldaten das kleine Dorf Oradour-sur-Glane überfallen und 642 Menschen umbringen, begeht die deutsche Besatzungsmacht auch in Griechenland ein Massaker an der Zivilbevölkerung. Ein Massaker, das lange Zeit nur wenigen in Deutschland bekannt ist. Am Mittag des 10. Juni gerät in der Nähe des griechischen Ortes Distomo eine deutsche Kolonne in einen Partisanen-Hinterhalt, drei Soldaten kommen bei den Kämpfen ums Leben. Da die griechischen Partisanen am Vortag durch Distomo gezogen waren, rächen sich die Deutschen an den Dorfbewohnern. Anderthalb Jahre zuvor hatte Hitler mit Vergeltungsmaßnahmen gegen Zivilisten gedroht, sollten deutsche Soldaten angegriffen werden. Er versicherte, dass niemand für diese Racheaktionen belangt werden würde - ein Freibrief zum Massakrieren der Bevölkerung. Augenzeugen berichten später über die Grausamkeit der Deutschen bei der Vergeltungsaktion in Distomo. 218 Menschen, darunter viele Alte, Frauen und über 30 Kinder, sterben. Sogar Säuglinge zählen zu den Opfern.

Argyris Sfountouris © NDR/beckground tv

"Die Bilder haben sich in meine Seele eingebrannt"
Als vierjähriger Junge verlor der Grieche Argyris Sfountouris fast seine ganze Familie bei einem Massaker der deutschen Besatzer in seinem Heimatdorf Distomo.

Distomo steht exemplarisch für viele deutsche Gräueltaten in Griechenland. Der deutsch-griechische Historiker Hagen Fleischer geht davon aus, dass etwa 30.000 Menschen durch Vergeltungsmaßnahmen umkamen. Weitere 60.000 Personen - vor allem Juden - wurden deportiert und in Konzentrationslagern ermordet. Rund 100.000 Griechen sollen aufgrund der ausbeuterischen Besatzungspolitik der Deutschen verhungert sein.

Unterschätzter Widerstand

Am 6. April 1941 begann der deutsche Überfall auf das bis dahin offiziell neutrale Griechenland mit Bombenangriffen auf den Norden des Landes. Die Deutschen begründeten den Einsatz damit, dass im März mehrere 10.000 britische Soldaten in die Region verlegt worden waren. Nach wenigen Wochen hatten die deutschen und die verbündeten italienischen Truppen das griechische Festland und alle wichtigen Mittelmeerinseln besetzt.

Die Wehrmacht sah in den Griechen ob des Mangels an schweren Waffen und geeigneter Luftunterstützung kaum einen ernstzunehmenden Gegner. Sie wurden jedoch vom erbitterten Widerstand insbesondere der kommunistischen Partisanen überrascht. Bei Anschlägen starben in der Besatzungszeit zwischen 1941 und 1944 immer wieder deutsche Soldaten. Regelmäßig folgten von den Nationalsozialisten als "Sühnemaßnahmen" gerechtfertigte Massaker an der Zivilbevölkerung wie in Distomo: Am 16. August 1943 töteten Wehrmacht-Soldaten 317 unbewaffnete Männer, Frauen und Kinder in dem kleinen Dorf Kommeno und steckten nahezu alle Häuser in Brand. Am 3. Oktober 1943 in Lyngiades löschten die Deutschen 82 Leben aus. Da viele Männer aus dem Ort geflohen waren, um nicht zur Zwangsarbeit herangezogen zu werden, starben hier vor allem Frauen, Alte und Kinder. Es gibt rund 90 anerkannte "Märtyrer-Dörfer", in denen die Verbrechen der Besatzer historisch aufgearbeitet wurden. Zahlreiche Gedenkstätten erinnern heute an die Nazi-Verbrechen.

Reparation und Entschädigung

Argyris Sfountouris © NDR/beckground tv

Argyris Sfountouris hat das Massaker von Distomo als Vierjähriger überlebt.

Keiner der Überlebenden, keiner der Angehörigen wurde je für die Gräueltaten der Besatzer entschädigt. Die Bundesregierung wehrt sich vehement gegen Entschädigungsansprüche. Die deutsche Botschaft in Athen bezeichnete das Massaker von Distomo 1996 in einem Brief an den Überlebenden Argyris Sfountouris als "Maßnahme im Rahmen der Kriegsführung", berichtet dieser bei seinem Auftritt in der ZDF-Satire-Sendung "Die Anstalt"). Ein griechisches Gericht hatte Deutschland in dem Fall von Distomo zu Millionenzahlungen verurteilt, der Europäische Gerichtshof kassierte das Urteil mit Verweis auf die Staatenimmunität jedoch ein.

Das Thema Reparation und Entschädigung flammte in den vergangenen 70 Jahren immer wieder auf. Bereits um die Jahrtausendwende wurde eine mögliche Enteignung deutschen Staatsbesitzes in Griechenland diskutiert. Mit der Schuldenkrise wurde auch diese Debatte neu belebt. Aktuell steht die Forderung nach Rückzahlung eines Zwangskredits aus der Besatzungszeit im Raum. Rund elf Milliarden Euro fordert die griechische Regierung von Deutschland. Doch die Bundesregierung sieht alle Ansprüche Griechenlands durch den "Zwei-Plus-Vier-Vertag" als gegenstandslos an.

In der Nachkriegszeit hatte man die griechische Frage nach Reparationszahlungen aus Deutschland auf die Zeit nach dem Entstehen eines Friedensvertrages vertagt. An Stelle dessen trat der "Zwei-Plus-Vier-Vertrag", in dem keine Rede mehr von Reparationen war. Griechenland hatte diesen nachträglich ratifiziert und damit - zumindest nach deutscher Lesart - das Recht auf alle Forderungen verwirkt. Zudem flossen in den 60er-Jahren einmalig 115 Millionen D-Mark nach Griechenland zur individuellen Entschädigung vor allem jüdischer Opfer.

Menschen wie Argyris Sfountouris geht es aber zumeist nicht um finanzielle Entschädigung. Der 75-Jährige überlebte als Vierjähriger das Massaker von Distomo, verlor dabei über 30 Verwandte. Sein Auftritt bei "Die Anstalt" machte ihn und seine traurige Geschichte einer breiten Öffentlichkeit bekannt. Dort forderte er, dass die "Welt die historische Wahrheit" über sein Heimatdorf erfährt. Wer also über die Gräueltaten der Nazis im Zweiten Weltkrieg spricht, sollte nicht nur an Länder wie Frankreich, sondern auch an Griechenland denken.

Stand: 07.06.15 23:08 Uhr