"Die Flüchtlinge brauchen immer noch Hilfe"

Drei Monate nach unseren Dreharbeiten im Nordirak ist die Lage vor Ort angespannt. Immer noch leiden die Flüchtlinge Hunger, leben in Angst vor Selbstmordattentätern und selbst in die befreiten Gebiete will kaum jemand zurück, weil befürchtet wird, dass die Häuser in der Heimat vom IS vermint wurden. Pater Emanuel Youkhana von der Hilfsorganisation CAPNI spricht im Interview mit Team Beckmann über die aktuelle Situation der Flüchtlinge, dringendst benötigte Hilfsgüter und die größten Probleme.

Wie ist die aktuelle Flüchtlingssituation im Nordirak?

Pater Emanuel: Die Situation ist immer noch bedenklich. Das größte Problem ist die Grundversorgung der über 1.5 Millionen zusätzlichen Menschen in einer Region, in der normalerweise rund fünf Millionen leben. Dies gilt insbesondere für die Provinz Dohuk, wo ein sehr großer Teil der irakischen und syrischen Flüchtlinge lebt. Einige von ihnen mieten sich Zimmer, deren Preise seit der Eskalation der Krise vergangenen Sommer deutlich gestiegen sind. Immer noch brauchen sehr viele Flüchtlinge Hilfe, insbesondere die Jesiden. Vor allem benötigen sie Nahrung, Kleidung und Hygieneartikel.

Mit Blick auf die Zukunft bin ich skeptisch, ob die Jesiden wieder in ihrer Heimat im Shingal leben können. Zwar wurden die meisten Gebiete der Region vor einigen Wochen zurückerobert. Allerdings verhindert die zerstörte Infrastruktur eine Rückkehr. Das betrifft sowohl die Jesiden als auch die christliche Minderheit, die aus der Ninawa-Region nördlich von Mossul floh. Niemand hier will wieder näher an der Front zum IS sein und viele befürchten, dass ihre Häuser in der Heimat vermint sind.

Tausende sehen sich gezwungen nach Europa oder Australien auszuwandern. Andere möchten nicht ihre Heimat verlassen oder können es sich nicht leisten wegzugehen. Sie bleiben in den christlichen Dörfern oder anderen Städten im irakischen Norden und versuchen dort, ihren Lebensunterhalt zu verdienen.

Wie ist die aktuelle Situation im Camp in Zhako?

Pater Emanuel: Die Lage dort hat sich seit dem Besuch von Herrn Beckmann und seinem Team kaum verändert. Die örtliche Regierung hat entschieden, ein neues Camp am Stadtrand von Zhako bauen zu lassen. Dort sollen all die Flüchtlinge wohnen, die aktuell noch in den Rohbauten und Zelten leben. Am dringendsten werden hier Essen und Hygieneartikel benötigt, um weitere Krankheiten zu vermeiden.

Was sind die Herausforderungen für die Hilfsorganisationen vor Ort?

Pater Emanuel: Wir brauchen finanzielle Mittel, um die rund 1.5 Millionen zusätzlichen Bewohner der Region zur versorgen. Perspektivisch wird sich an der Flüchtlingssituation wahrscheinlich so schnell nichts ändern. Daher brauchen wir langfristige Hilfe. Mittlerweile ist die gesamte Infrastruktur in der Region völlig überlastet. Die örtlichen Schulen stoßen an ihre Grenzen, Kinder und Jugendliche haben kaum eine Möglichkeit, vernünftig unterrichtet zu werden. Hinzu kommen die sprachlichen Probleme, da die Flüchtlinge aus der Ninawa-Region kein kurdisch, sondern nur arabisch sprechen.

Hat sich an der Sicherheitssituation in der Dohuk-Region etwas geändert?

Pater Emanuel: Im Vergleich zum vergangenen Sommer hat sich die Sicherheitssituation verbessert. Dohuk und andere Städte, die von den kurdischen Sicherheitskräften beschützt werden, sind sicher. Die IS-Truppen konzentrieren sich derzeit auf Kämpfe mit den Regierungstruppen und den schiitischen Milizen in der Provinz Anbar, aber auch auf Syrien.

Dennoch bleibt die Lage in Kirkuk angespannt. Im Nordirak gibt es besonders in den Abendstunden zahlreiche Sicherheitschecks. Die Angst vor Selbstmordattentätern, die mit Autobomben Ziele in kurdischen Regionen angreifen, ist weiterhin sehr groß. Die Gefahr bleibt real, wenngleich sie in Regionen wie Bagdad deutlich höher ist.

Stand: 14.04.15 15:49 Uhr