Aufstieg durch Vorbilder: Mentorenprogramme

von Annika Lasarzik
Schülercoach Anna mit  Behnam © beckground tv GmbH

Seit einem Jahr ist Anna Behnams Schülercoach.

Behnam hält kurz inne, er blickt zu Anna herüber. Die junge Frau neben ihm lächelt und nickt. "Deine Arbeitserlaubnis ist da, wir können dir jetzt einen Praktikumsplatz suchen", sagt sie. Behnam wirkt erleichtert. Die 19-jährige Studentin und der gleichaltrige Behnam, der aus Afghanistan kommt,  verbindet ein gemeinsames Ziel. Einmal in der Woche treffen sich die beiden, so wie an diesem Nachmittag. Behnam wartet auf dem Parkplatz vor der "Bucerius Law School", wo Anna Jura studiert. Gemeinsam suchen sie einen leeren Arbeitsraum in der Hochschule, um ungestört arbeiten zu können.

Anna ist Behnams Schülercoach. Seit einem Jahr bilden sie ein Team, ihre Beziehung ist speziell. Sie sind weder nur Freunde, noch Schüler und Lehrerin. Ihre gemeinsamen Treffen haben ein Ziel: Behnam soll in der Schule vorankommen, mit Annas Hilfe herausfinden, welche Ausbildung er machen möchte. Und so lernen sie zusammen einmal in der Woche Deutsch, üben jene Fächer, die Behnam besonders schwerfallen, Spanisch oder Mathematik etwa. Doch Unterstützung braucht der junge Mann nicht nur beim Lernen. "Oft reden wir eine Stunde lang nur darüber, wie es Behnam geht. Ich muss ja wissen, was ihn bewegt, damit ich ihn besser zum Lernen motivieren kann", sagt Anna.

Ein Projekt der Arbeiterwohlfahrt

Anna und Behnam sind eines von 100 Coaching-Paaren, die im Rahmen des Hamburger Projekts "Starthilfe" zusammenarbeiten. Gegründet wurde das Projekt der Arbeiterwohlfahrt im Herbst 2006 von der pensionierten Lehrerin Mareile Denzer. Sie arbeitet ehrenamtlich und in Vollzeit, bringt die Paare zusammen, organisiert Fortbildungen für die Coaches, hält Kontakt zu Lehrern und Eltern. Ihre Motivation speist sich aus Erfahrung: "Im Teenageralter haben junge Leute oft andere Dinge im Kopf als die Schule. Die Hormone spielen verrückt, sie lehnen sich gegen Autoritäten auf", sagt Denzer. Dabei würden gerade beim Übergang von der Schule in die Arbeitswelt "wichtige Weichen für die Zukunft" gestellt. Doch Denzer ist Idealistin und überzeugt, dass "junge Menschen, die mit sich hadern oder denen es an Motivation mangelt, vor allem Vorbilder und viel Zuneigung brauchen." 

Hilfe und Unterstützung

Die betreuten Schüler besuchen mindestens die 7. Klasse einer Stadtteilschule oder einer Berufsschule. Die Coaches sind meistens Studierende und Rentner, selten voll Berufstätige, oft Männer. Inzwischen sind die "Starthilfe"-Coaches an 16 Schulen in ganz Hamburg aktiv. Dort sei schlicht zu wenig Zeit für die individuelle Betreuung lernschwacher Schüler: "Viele Lehrer sind überfordert, sie haben durch die Inklusionsklassen und die Integration von Flüchtlingskindern immer mehr Aufgaben zu bewältigen", sagt Denzer. Auch die Erfahrungsberichte der Schulen zeigen: Der Bedarf an weiteren Coaches ist groß, denn gerade "organisationsschwache" Schüler und solche, bei denen die Unterstützung im Elternhaus fehle, könnten oft nicht ausreichend betreut werden, schreibt ein Schulleiter.

Talentscout Suat Yilmaz im Gespräch. © NDR/beckground tv GmbH

"Wir müssen Bildung ins Milieu hineintragen"
Im Rahmen des Projekts Talentscouts hilft Suat Yilmaz Kindern aus benachteiligten Familien. Er selbst hätte wohl nie studiert, hätte ein Lehrer nicht sein Potenzial erkannt.

Oberstufe dank Schülercoach

 "Für mich war das Coaching ein Riesenglück", sagt Behnam. Der 19-Jährige spricht mit leiser Stimme, er wählt seine Worte mit Bedacht. Vor zwei Jahren kam er nach Deutschland, allein. Doch der Schulalltag in der "Internationalen Vorbereitungsklasse" einer Hamburger Berufsschule, die er kurz nach seiner Ankunft besuchen sollte, war hart. "Ich hatte nie Probleme beim Lernen, doch hier in Deutschland fiel mir der Unterricht schwer", sagt er. Viele neue Eindrücke und die fremde Sprache erschwerten die Eingewöhnung. Eine Lehrerin erkannte schließlich Behnams Potenzial, sie stellte den Kontakt zu "Starthilfe" her. Nur wenige Monate nach der ersten Coaching-Stunde mit Anna gelang Behnam etwas, das kurz zuvor noch unmöglich schien: Er schaffte den Realschulabschluss, in deutscher Sprache. Die Abschlussnoten waren sogar gut genug für die gymnasiale Oberstufe, nun besucht Behnam die 11. Klasse einer Stadtteilschule in Hamburg-Barmbek.

Behnam ist sicher: "Ohne Annas Hilfe hätte ich meinen Abschluss nicht geschafft". Die Zielstrebigkeit seiner Mentorin imponiere ihm, dabei habe er keine Probleme, die junge Frau als Autorität zu akzeptieren: "Ich brauche jemanden, der auch mal streng mit mir ist. Daran merke ich, dass Anna wirklich etwas an meinem Erfolg liegt", sagt er. Mit gerade mal 19 Jahren ist Anna für den gleichaltrigen Afghanen Lehrerin und Lebensberaterin zugleich. Dabei liegt ihre Schulzeit selbst erst zwei Jahre zurück. "Die Verantwortung ist schon sehr groß", sagt sie. "Es fällt mir nicht immer leicht, mich in Behnam hineinzuversetzen, weil seine Lebenssituation so anders ist als meine. Doch ich bekomme auch viel zurück, weil ich mit ansehe, wie er immer mehr an Selbstvertrauen gewinnt", sagt sie.

Den eigenen Weg finden

Wie geht es nun weiter? Behnam will die Oberstufe verlassen. Ab September lässt er sich zum Elektroniker für Geräte und Systeme bei der Bundeswehr ausbilden, den Platz hat er bereits sicher. Warum er die Schule jetzt abbricht? Sie gefalle ihm zwar gut, die Lehrer seien aufmerksam und engagiert, sagt Behnam. Doch er wäre es leid, im Klassenraum zu sitzen, statt praktisch zu arbeiten, aufgrund seiner Fluchterfahrung fühle er sich ohnehin älter als seine Mitschüler.

Ist das Coaching nun doch gescheitert? Mareile Denzer schüttelt energisch den Kopf. "Einige Schüler machen Abitur, andere lieber etwas Praktisches", sagt sie. Das Coaching könne letztlich nur Impulse setzen: "Die jungen Leute müssen ihren eigenen Weg gehen, wir helfen ihnen nur dabei, ihn zu finden." 

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Das Erste | #Beckmann | 02.05.2017 | 23:00 Uhr