Chancengleichheit: Zahlen und Fakten

Schüler des Anton-Bruckner-Gymnasiums in Straubing (Niederbayern) schreiben das Wort "Pisa" auf eine Tafel. © dpa Fotograf: Armin Weigel

Im Jahr 2001 schockten die Ergebnisse eines internationalen Bildungstestes Deutschland: Die erste PISA-Studie offenbarte nicht nur erschreckend schwache Leistungen deutscher Schüler, sondern auch grundlegende Systemmängel. Schulerfolg hängt hierzulande stärker von Bildung und Einkommen der Eltern ab als in anderen vergleichbaren Industrieländern.

An dieser Problematik habe sich im Kern bis heute nichts geändert, sagen Experten. So erklärt Heino von Meyer von der internationalen Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) bei der Vorstellung des Bildungsberichts 2014, dass das Versprechen von "Aufstieg durch Bildung" gerade für Kinder aus sozial schwachen Familien "häufig in weiter Ferne" bleibe. Der OECD-Vergleich zeigt, dass in Deutschland die meisten - 58 Prozent - Erwachsenen den gleichen Bildungsstand wie ihre Eltern haben. Betrachtet man den Durchschnittswert der an der Studie teilnehmenden Länder, liegt dieser bei 49 Prozent.

Besonders auffällig wird der Zusammenhang zwischen sozialer Herkunft und Bildungsabschluss bei einem Blick auf die Studierenden in Deutschland: Laut der Sozialerhebung 2012 des Deutschen Studentenwerks beginnen 77 Prozent der Akademikerkinder ein Studium, hingegen nur 23 Prozent der Kinder aus nicht-akademischen Familien.

Die Hälfte der Studierenden hat Eltern mit einem (Fach-)Hochschulabschluss, nur knapp 30 Prozent der Eltern haben eine Lehre beziehungsweise einen Facharbeiterabschluss. Dieser Anteil hat sich seit 1991 wenig verändert. Insgesamt ist in diesem Zeitraum die Anzahl der Studierenden von 1,8 Millionen (1991) auf 2,5 Millionen (2012) gestiegen. Im Jahr 2015 lag die Zahl bei 2,8 Millionen.

Ausgaben für Schule und Bildung

Ein Mädchen hält einen Kugelschreiber in der Hand. © fotolia.com Fotograf: WavebreakMediaMicro

Die Ergebnisse der ersten PISA-Tests führten zu einer Modernisierung des deutschen Schulsystems und zur Steigerung der Bildungsausgaben, sagen die Autoren des Chancenspiegels, einer Studie der Bertelsmann Stiftung. Betrachtet man die Gesamtausgaben für Bildung, Forschung und Wissenschaft in Deutschland, wurden dafür 2015 laut Statistischem Bundesamt 275,8 Milliarden Euro ausgegeben. Das Budget allein für Bildung, also für Bildungseinrichtungen wie Kindertageseinrichtungen, Schulen und Hochschulen, stieg seit 2010 um elf Prozent

Die Zahlen für das Jahr 2014 zeigen jedoch, dass sich die Ausgaben der Bundesländer pro Schüler deutlich unterscheiden. Während Hamburg etwa 9.500 Euro je Schüler ausgibt, liegt der Betrag in Nordrhein-Westfalen bei 6.500 Euro. Schleswig-Holstein investiert mit 6.300 Euro am wenigsten.

47.435 Schüler allgemeinbildender Schulen haben 2015 die Schule ohne Abschluss verlassen, das sind 5,6 Prozent.

Das Kooperationsverbot: Wer zahlt für Schulen?

Bildung ist nach dem Grundgesetz Ländersache. An den Ausgaben für Bildung kann sich der Bund nur in Ausnahmen beteiligen, zum Beispiel im Hochschulbereich. Dieses Kooperationsverbot führt dazu, dass der Bund kaum in Schulen investieren kann. Das gilt im Prinzip auch für die Sanierung maroder Schulen, die in der Verantwortung der Kommunen sind. Über das sogenannte Kommunalinvestitionsförderungsgesetz können bestimmte Baumaßnahmen wie die energetische Sanierung eine Förderung vom Bund erhalten.

Das Land Nordrhein-Westfalen hat zur Stärkung der Schulinfrastruktur ein Förderprogramm aufgelegt: "Gute Schule 2020". Aus diesem Programm stehen der Stadt Essen bis 2020 rund 82 Millionen Euro zur Verfügung.

Dabei steht Nordrhein-Westfalen mit dem Problem sanierungsbedürftiger Schulen nicht alleine da. Anfang März hatte zum Beispiel die Berliner Schulbehörde bekanntgegeben, dass die dortigen Instandsetzungskosten geschätzte 3,9 Milliarden Euro betragen. In Bremen schätzte die Bürgerschaft die anstehenden Sanierungskosten für Kindertageseinrichtungen und Schulen auf einen dreistelligen Millionenbetrag, wie sie in ihrer Antwort auf eine Große Anfrage der FDP-Fraktion schrieb. Die Stiftung Bildung sammelt auf ihrer Webseite "Einstürzende Schulbauten" Beispiele von Schulen, die dringend Hilfe benötigen.

Bildung: Eine Frage der Teilhabe und des Geldes

Armutsgefärhdung: Einkommensgrenze © NDR/beckground tv GmbH

Auch wenn der Schulbesuch in Deutschland im Prinzip nichts kostet, müssen Eltern Geld für die Bildung ihrer Kinder ausgeben: zum Beispiel für Schulmaterial, Ausflüge, Mittagessen. Hinzu kommen ggf. Ausgaben für eine - wünschenswerte - gesellschaftliche Teilhabe, etwa durch musische oder sportliche Aktivitäten. Für einkommensschwache Familien bedeutet das oft eine zu große finanzielle Belastung. Besonders betrifft das die knapp zwei Millionen Kinder und Jugendlichen unter 18 Jahren, die in Hartz-IV-Haushalten leben. Laut aktuellem Armutsbericht des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes sind in Deutschland knapp 20 Prozent der Kinder armutsgefährdet.

Nach EU-Definition gilt derjenige als von Armut gefährdet, der weniger als 60 Prozent des mittleren Netto-Einkommens zur Verfügung hat. In Deutschland liegt die Grenze bei einem Single bei 1.033 Euro netto im Monat. Bei einer vierköpfigen Familie sind es 2.170 Euro netto im Monat.

Um Kinder aus einkommensschwachen Familien zu unterstützen, wurde 2011 von der Bundesregierung das Bildungs- und Teilhabegesetz verabschiedet. Zu den Leistungen gehören unter anderem:

- Zuschüsse zum Mittagessen in Kitas und Schulen
- Lernförderung
- Zuschüsse für Kultur und Sportangebote
- Persönlicher Schulbedarf
- Ausflüge (z. B. Klassenfahrten)  

Von Beginn an gab es grundsätzliche Kritik: Die Beantragung sei sehr kompliziert, die Beträge zu klein, die Bürokratie zu groß.

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Das Erste | #Beckmann | 02.05.2017 | 23:00 Uhr