Karrierefalle Kind?

von Annika Lasarzik
Drei Frauen schieben drei Kinderwagen vor sich her. © dpa - Bildfunk Fotograf: Marcus Brandt

Kind oder Karriere?

Die Top-Managerin, die mit einer Hand telefoniert und mit der anderen Babybrei zusammenrührt? Die Friseurmeisterin, die früher den Salon verlässt, um ihr Kind aus der Kita abzuholen? Solche Szenen sind in Deutschland selten. Familie und Beruf unter einen Hut zu bringen, ist für viele Frauen ein Kraftakt. Und streben sie nach beruflichem Erfolg, liebäugeln sie gar mit einer Führungsposition, müssen sich Frauen oft fragen: "Kind oder Karriere?" Doch wie kann es sein, dass diese Entscheidung auch im Jahr 2017 noch über das berufliche Fortkommen entscheidet - und der Kinderwunsch gerade Frauenkarrieren ausbremsen kann?

Papa arbeitet, Mama versorgt die Kinder

"Papa geht arbeiten, Mama kümmert sich um die Kinder": Dieses Familienmodell mag altmodisch klingen, ist in den meisten deutschen Familien aber Realität. So ist die Zahl der erwerbstätigen Frauen in den letzten zehn Jahren zwar gestiegen, 2015 war davon allerdings jede zweite Frau (46 Prozent) in Teilzeit beschäftigt. Zehn Jahre zuvor war es noch jede Dritte. Zum Vergleich: Bei den Männern arbeitet nur jeder Zehnte um die 20 Stunden pro Woche. Zudem sind überwiegend Frauen in "Minijobs" beschäftigt, die, hier schafft das "Ehegatten-Splitting" Anreize, so ein wenig zur Haushaltskasse beisteuern können.

Anteil der teilzeitarbeitenden Frauen in europäischen Ländern © NDR/beckground tv GmbH

In Deutschland arbeiten im europäischen Vergleich viele Frauen nur in Teilzeit.

Die Frauen stecken nicht etwa aus Lust und Laune, sondern für die Familienplanung beruflich zurück: Schließlich steigt die Teilzeitquote unter den arbeitenden Frauen, bis diese Anfang 40 sind, und fällt erst in den rentennahen Altersgruppen wieder ab, wie eine Studie des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung zeigt. Zugleich übernehmen Frauen zwei Drittel der Kinderbetreuung und der Pflege anderer Familienmitglieder, wie die OECD-Studie "Dare To Share" belegt. Und der Mann? Seine Rolle ist klar umrissen, das "Modell des männlichen Allein- bzw. Hauptverdieners ist in Deutschland weiterhin vorherrschend", stellen die Forscher fest. Die Folgen einer solchen Konstellation: Bei Paaren mit mindestens einem Kind steuern Frauen nur 22,6 Prozent zum Familieneinkommen bei - das ist der schlechteste Wert von 15 ausgewählten OECD-Ländern. Es bleibt also dabei: Ist der Nachwuchs da, bleibt die Frau zuhause. Allen Debatten über Gleichberechtigung und Emanzipation zum Trotz.

Müttern droht die Teilzeit-Falle

Doch ein Teilzeit-Job birgt ein hohes berufliches Risiko. Aufstiegsmöglichkeiten werden verhindert, die Gehaltszuwächse sind niedriger und Beförderungen seltener, so das Fazit einer Studie der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung. Nur elf Prozent der Beschäftigten mit Managementaufgaben arbeiten demnach in Teilzeit, bei herausgehobenen Führungsposten sind es sogar nur 6,5 Prozent. Doch ein Wiedereinstieg in den Vollzeitjob ist schwer: Nach Schätzungen des Arbeitsministeriums würden 750.000 Beschäftigte gern mehr arbeiten, könnten aber nicht. Der Blick auf den Arbeitsmarkt macht also deutlich, dass nicht etwa das Kind an sich ein Berufsrisiko ist, Müttern droht vielmehr die "Teilzeit-Falle". Da mag es kaum noch verwundern, dass die Statistik selbst bei hochqualifizierten Frauen einen Karriere-Knick ab einem Alter von etwa 30 Jahren aufzeigt. Während Männer nach dem Studium in der Unternehmenshierarchie aufsteigen, bleiben Akademiker-Frauen auf der Karriereleiter stehen oder fallen sogar ganz herunter.

Familienministerin Manuela Schwesig berichtet im Interview zur #BECKMANN-Reportage von einer Begegnung mit "Frauen in Spitzenpositionen", die für die Karriere auf Kinder verzichtet haben. "Das hat mich sehr erschrocken und berührt", sagt die SPD-Politikerin. Auch Führungskräfte müssten sich eine Auszeit nehmen können, doch noch mangle es hier an Flexibilität in Unternehmen, die Arbeitswelt sei "zu starr".

Auf dem Weg zu mehr Gleichberechtigung?

Eine dynamische Ansicht eines rennenden Mannes mit Kinderkarre an einer Straße. © iStock Fotograf: Ursula Deja Schnieder

Ist Familienarbeitszeit ein Weg zur mehr Gleichberechtigung?

Um eine bessere Vereinbarkeit von Beruf und Kinderbetreuung zu ermöglichen, setzt die Ministerin auf die "Familienarbeitszeit": Väter und Mütter sollen ihre Arbeitszeit zwei Jahre lang auf 26 bis 36 Stunden reduzieren und dafür bis zu 300 Euro Familiengeld erhalten können, so die Idee. Und Bundesarbeitsministerin Andrea Nahles (SPD) will für alle Beschäftigten ein Rückkehrrecht auf eine Vollzeitstelle durchsetzen, bisher gibt es nur ein Recht auf Teilzeit. Arbeitgeberverbände weisen beide Ansätze zurück, sie pochen auf einen weiteren Ausbau von Kitas und Ganztagsschulen.

Doch die Erfahrung zeigt, dass sich ohne konkrete politische Maßnahmen in Sachen Gleichstellung wenig ändert. Seit Jahren liegt der Gender Pay Gap, also die Lohndifferenz zwischen den Geschlechtern, bei 21 Prozent. Zwar arbeiten Frauen oft in schlechter bezahlten Branchen, etwa im Gesundheitswesen oder im Erziehungssektor. Doch auch bei gleicher Qualifikation und Position verdienen sie immer noch sechs Prozent weniger als ihre männlichen Kollegen. Auch die gesetzliche Frauenquote von 30 Prozent zeigt bisher nur mäßig Wirkung, in Deutschlands größten DAX-Unternehmen dümpelt diese bisher bei 6,7 Prozent herum.

Fraglich ist auch, ob neue Gesetze und flexible Betreuungsmodelle allein den Frauen neue Karrierewege eröffnen. Nötig scheint vielmehr auch ein gesellschaftliches Umdenken. "Heimchen am Herd" oder "Rabenmutter": Frauen, die sich für oder gegen die Karriere entscheiden, seien in Deutschland immer wieder Kritik ausgesetzt, klagt etwa der "Verband berufstätiger Mütter". In der öffentlichen Debatte sind Mütter einem hohen Druck ausgesetzt, das musste auch Manuela Schwesig erfahren: Weil sie nach der Geburt ihres zweiten Kindes schnell wieder arbeitete, wurde die Ministerin in sozialen Netzwerken als "Rabenmutter" beschimpft. Frauen müssten sich "immer rechtfertigen, manchmal sogar in der eigenen Familie" sagt die Ministerin im #BECKMANN-Interview. "Es ist schon ein Spagat im Alltag, man macht sich auch selber manchmal Vorwürfe. Dann braucht man definitiv nicht noch die dummen Bemerkungen der anderen", so Schwesig.

Manuela Schwesig © NDR/beckground tv GmbH

"Es ist schon ein Spagat im Alltag"
Man mache sich als arbeitende Mutter selber manchmal Vorwürfe, ob man dem gerecht werde. "Dann braucht man nicht noch die dummen Bemerkungen von anderen", meint Manuela Schwesig.

Dabei würde doch schon ein Blick in die Nachbarländer helfen: Gerade in jenen EU-Ländern, in denen berufstätige Mütter eine Selbstverständlichkeit und 'Hausmänner' nicht verpönt sind, etwa in Frankreich oder in Skandinavien, ist die Geburtenrate am höchsten.

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Das Erste | #Beckmann | 09.05.2017 | 22:45 Uhr