12.10.15 | 21:45 Uhr

Alle selbst schuld? Wie Menschen finanziell abstürzen

von Robert Liebscher
Ein Mann im Anzug zeigt sein leeres Portemonnaie. © fotolia.com Fotograf: slasnyi

6,7 Millionen Menschen gelten in Deutschland als überschuldet, mehr als die Hälfte davon hat kaum Chancen, absehbar wieder auf die Beine zu kommen. Selbst schuld, sagen manche. Dabei droht in Zukunft noch viel mehr Bürgern der finanzielle Absturz. Was im "Creditreform SchuldnerAtlas" auffällt: Männer sind häufiger überschuldet als Frauen, Großstädter öfter als Landbewohner. Bremerhaven, Primasens und Offenbach am Main sind deutsche Schuldner-Hochburgen. Und es scheint, dass Eltern in Finanzsachen prägend sind. Fast eine Million der in Deutschland verschuldeten Personen, so die Erfahrungen von Sozialämtern, sollen ihr unglückliches Händchen für Geld von zuhause übernommen haben.

Kaufen ist geil

Übermäßige Konsumausgaben sind für Jüngere die Schuldenfalle Nummer eins. Etwa 1,75 Millionen der unter 30-Jährigen haben den Überblick über ihre Finanzen verloren. Größer als ihr Einkommen ist der Wunsch nach Anerkennung im Freundeskreis und teuren Statussymbolen. Markenkleidung, Unterhaltungselektronik, langfristige Handy- und Fitnessstudioverträge, dazu die erste eigene Wohnungseinrichtung - Handel und Banken wissen, wie sie Kunden locken. Scheinbar unschlagbare Sonderangebote und Null-Prozent-Finanzierungen verleiten zum schnellen Kauf auf Pump.

Dabei sind für verschuldete Jüngere die Aussichten noch vergleichsweise gut: Die meisten sind mit Hilfe der Eltern oder nach den ersten Berufsjahren irgendwann wieder im Soll. Für ältere Schuldner hingegen ist der Ausstieg aus der eigenen Finanzmisere deutlich schwerer. Ihre Überschuldung ist im Durchschnitt wesentlich höher - und dazu oft Folge persönlicher Schicksalsschläge.

Arbeitslos in die Abwärtsspirale

Arbeitslosigkeit ist nach wie vor eine der Hauptursachen für einen finanziellen Absturz, fast jeder fünfte Überschuldungsfall lässt sich darauf zurückzuführen. Trotz Einkommenswegfall laufen Verpflichtungen wie Miete, Versicherungen und Kreditraten weiter. Bei Verzug kommt es zu teuren Mahnungen, Bearbeitungsgebühren und im schlechtesten Fall zur Wohnungskündigung - die Abwärtsspirale kommt in Gang.

Krankheit kostet

Auch eine plötzliche, langwierige Erkrankung führt häufig in die Schuldenfalle. Denn nach sechs Wochen Krankheitsdauer fehlt Betroffenen einiges an Geld. Dann überweist nicht mehr der Arbeitgeber das übliche Gehalt, sondern die Krankenkasse zahlt ein Krankengeld in Höhe von nur noch 70 Prozent des bisherigen Bruttolohns. Gleichzeitig müssen langfristig Erkrankte mit zusätzlichen Kosten für benötigte Behandlungen und Medikamente rechnen. Hinzu kommt die Gefahr einer dauerhaften Erwerbsunfähigkeit.

Schuldenfalle Scheidung - früher lieb, heute teuer

Trennung tut weh - auch finanziell. Durch Anwaltskosten, Unterhaltszahlungen sowie höhere Miet- und Lebenshaltungskosten sind viele überfordert. Vor allem alleinerziehende Mütter und Väter bekommen Probleme, nach einer Scheidung Kind und Beruf zeitlich zu vereinbaren. Zumindest vorübergehend wollen oder können sie nur halbtags arbeiten - die Folge ist ein deutlich geringeres Haushaltseinkommen als zuvor in der Partnerschaft.

Wenn die Rente nicht mehr reicht

Immer mehr Ältere, immer weniger Rente - die demografische Entwicklung verschärft das Problem der Altersarmut. Bereits heute hat die Gruppe der über 65-Jährigen die höchsten Schulden, rund eine halbe Million Rentner sind auf Grundsicherung angewiesen und circa 134.000 Über-70-Jährige gelten als überschuldet. Denn während das Einkommen mit Renteneintritt oft drastisch sinkt, bestehen weiterhin die Kreditverpflichtungen aus besseren Zeiten. Zudem warnen Experten, dass heutige Geringverdiener keine ausreichenden Versorgungsansprüche erwerben und ihre Rente später durch Nebenjobs aufbessern müssen. Mit welchen, das sagen sie nicht.

Stand: 09.10.15 12:23 Uhr