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09.02.2010 | 17:33 Uhr

Protokoll: Chat mit Britta Bannenberg

Sendung vom 15.03.2009, 21.45 Uhr

Nach der Sendung hat sich die Rechtsprofessorin und Kriminologin Britta Bannenberg im ANNE-WILL-Chat Ihren Fragen zum Thema "Amoklauf im Klassenzimmer - Was läuft falsch im Kinderzimmer?" gestellt. Hier ist der Chat zum Nachlesen.

 

Gast36: Liebe Frau Bannenberg. Kann man pauschal sagen, das Computerspiele, Horrorfilme oder Softair-Waffen verantwortlich sind für Amokläufe und dass ein Verbot das wirklich verhindern würde?

Zu Gast im Chat: Britta Bannenberg © dpa_Report Fotograf: Karlheinz Schindler
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Britta Bannenberg: Natürlich nicht. Allerdings stellen sie einen Risikofaktor, insbesondere bei männlichen Jugendlichen, dar.

SF: Sehr geehrte Frau Bannenberg, zunächst möchte ich Ihnen zu Ihren Aussagen bezüglich der Medien gratulieren. Wie sehen sie die Rolle der Gesellschaft und insbesondere der Medien bei diesem Amoklauf und der Berichterstattung dazu?

Bannenberg: Zuviel Pressewirbel, zuviel Druck in jede Richtung, zu viele erfundene Bilder. Kurze Sachinformation hätte gereicht. Die Gefahr des Nachahmereffekts ist ein riesiges Problem.

Susanne: Was können Eltern gegen unsensible Lehrer und/oder Schulleiter tun, wenn ein Schüler anderen mit Mord droht und deshalb schon aus einer Klasse raus musste?

Bannenberg: Sie können versuchen, die Polizei einzuschalten, oder Vertraute in der Kommune, wenn es die gibt. Oder die Kinder- und Jugendpsychiatrie. Oder sie können die Schule wechseln. Es gibt zudem sehr positive Beispiele kommunaler Kriminalprävention. Netzwerke von Menschen, die sich um diese Probleme kümmern.

Annika: Was soll ich als Mutter tun, wenn ich weiß, dass ein Klassenkamerad meines Sohnes in einem Chat eine Amokdrohung veröffentlicht hat? Von wem kann ich Hilfe erwarten, wenn der Direktor der Schule die Sache erst in einer Lehrerkonferenz besprechen will?

Bannenberg: Wenn es ernst scheint: Polizei. Zur Not gibt es anonyme Internetwachen auf den Webseiten der Landeskriminalämter der einzelnen Bundesländer. Die Polizei ist hier sehr gut aufgestellt. Es gibt hier Präventionsbeamte, die sich mit diesen Dingen beschäftigen und versuchen, eine angemessene Einordnung vorzunehmen.

Gast31: Sehr geehrte Frau Bannenberg, was genau kann man präventiv gegen Amokläufe tun? Gibt es da schon irgendwelche empirischen Studien?

Bannenberg: Es gibt keine Studien, aber es gibt eine Empfehlung, etwa der Safe School Initiative in den USA. Und es gibt Erfahrungen aus einer Doktorarbeit eines meiner Doktoranden mit Bedrohungslagen. Folgende Faktoren versprechen Erfolg: Hinweise von Mitschülern; aufmerksame Lehrer bemerken etwas, registrieren eine Bedrohung; Kontaktaufnahme zu den Eltern, zur Polizei, zur Kinder- und Jugendpsychiatrie; und vernetztes Vorgehen.

Gast51: Hallo, Frau Bannenberg, ist die Polizei nicht völlig überfordert, wenn innerhalb der so genannten "Familien" oftmals keine Kommunikation stattfindet?

Bannenberg: Die Polizei ist noch die beste Instanz bei der Reaktion. Die Erfahrung, der Vergleich mit anderen Fällen und die Abschätzung der Gefahrenlage sind dabei wichtige Kriterien. Das Problem liegt eher darin, dass problematische Hinweise vor einer Tat gar nicht bekannt werden.

Gast15: Als Lehrerin wünsche ich mir einen Rat. Wie kann man Eltern, die am liebsten ignorieren wollen, dass mit ihrem Kind etwas nicht stimmt, eine psychodiagnostische Untersuchung nahelegen?

Bannenberg: Es kann schwierig bis unmöglich sein, die Eltern zu erreichen. Man sollte es aber versuchen. Wenn die Eltern blocken, hilft es womöglich, mit der Polizei und dem Jugendlichen selbst zu reden. Es kann gut sein, dass der Jugendliche besser um seine Probleme weiß als die Eltern und sich freiwillig untersuchen lässt.

Gast91: Nur eine Frage bewegt mich: Gab es in vergleichbaren Amokläufen den Fall, dass der Täter NICHT mit "Ballerspielen" a la Counter Strike in Kontakt gekommen ist?

Bannenberg: Ich kenne keine. Das Problem bei diesen Jugendlichen liegt darin, dass Phantasie und Wirklichkeit verschwimmen. Und eine Identifikation mit Kämpferfiguren stattfindet.

Gast18: Glauben sie, dass Gewaltspiele und andere Spiele, in denen man seine "Aggressionen" möglicherweise abbauen aber auch ausleben könnte, als gemeingefährlich gelten sollten, so wie es in Bayern nun durchgeführt werden soll ?

Bannenberg: Die Katharsis-These ist überholt. Ich kann persönlich keinen Sinn in Ballerspielen sehen. Allerdings ist aus wissenschaftlicher Sicht zuzugeben, dass nur sehr wenige Menschen Realität und Fiktion bei diesen Spielen vermischen.

Guest87834: Was genau wird unternommen, um Außenseitern mit sozialen Defiziten zu helfen? Nimmt man sie überhaupt ernst?

Bannenberg: Ja. Es gibt eine Vielzahl von sozialpsychiatrischen Angeboten. Eine andre Frage ist, ob das in Schulen erkannt wird, und ob Mitschüler sensibel im Umgang sind.

Susanne: Wie kommen Eltern an die entsprechenden Stellen?

Bannenberg: Hilfsstellen, wenn die Eltern nicht reagieren? Örtliche Polizei, besser Landeskriminalamt, weil das LKA zentral damit betraut ist. Auch die örtliche Psychiatrie, am besten forensische Psychiatrie, weil die sich damit auskennen.

Gast81: Was ist gemeint mit anonymer Internetwache - bleibe ich als Ratsuchende dann anonym?

Bannenberg: Ja. Wenn man das will. Sie sollten aber die Information auf jeden Fall geben, beispielsweise an solche Internetwachen. Die finden Sie auf den Homepage der Landeskriminalämter, etwa des LKA Nordrhein-Westfalen. Die Beamte leiten das auch weiter an die Kollegen in den zuständigen Bundesländern.

Auf der Online-Wache Niedersachsens finden Sie eine Linkliste zu den Online-Wachen anderer Bundesländer.

deutschmann: Stimmt die Statistik, dass Deutschland nach den USA auf Platz 2 der Amokläufe steht?

Bannenberg: Nein. Die Definition Amok ist ein Problem. In allen europäischen Ländern sind Fälle von Mehrfachtötung, nicht nur unter Jugendlichen, bekannt.

Gast99: Ist es denkbar, dass es DEUTLICH mehr Amokläufe geben würde, wenn jeder "amokwillige" Zugang zu einer Schusswaffe hätte?

Bannenberg: Ja, sofort. Fast alle jungen Amokläufer in Deutschland haben legale Waffen genutzt, über die sie aus der Familie Zugang hatten. Diese Täter haben nicht die Persönlichkeit, sich Waffen auf dem Schwarzmarkt zu besorgen.

Chat-Moderator: Wir kommen nun zu den letzten Fragen

Gast35: Sollten nicht alle Schulen heute standardmäßig mit Schulpsychologen ausgestattet sein? Und sollte es nicht auch viel normaler werden, dass man als Schüler zu einem Schulpsychologen geht.

Bannenberg: Theoretisch ja. Noch besser fände ich, wenn ein gutes Schulklima mit einer besseren Lehrer/Schüler-Relation bestände. Aber die Finanzierung zusätzlicher Psychologen und Lehrer scheint nicht gewollt. Und Lehrerausbildung und -auswahl bedürfen dringend einer Reform.

Deutschmann: Mit wem sollen sich die Jugendlichen heute identifizieren?

Bannenberg: Sie sollten sich zu glücklichen und verantwortungsbewussten Menschen entwickeln, denen friedliches Zusammenleben etwas bedeutet.

Chat-Moderator: Liebe Chatter, vielen Dank für Ihre Fragen. Leider konnten nicht alle beantwortet werden, wir hoffen aber, dass Sie Ihre Frage oder zumindest eine ähnliche beantwortet gefunden haben. Für heute wünschen wir Ihnen eine Gute und erholsame Nacht und morgen einen guten Start in die Woche, sei es an einer Schule oder an der Arbeit - oder an beidem in einem, wenn Sie Lehrer sind. Auf Wiedersehen beim nächsten ANNE-WILL-Chat.

Zur Person

Britta Bannenberg

Geboren am 1. Mai 1964 in Volkmarsen, Studium der Rechtswissenschaften in Göttingen, Promotion im Jahr 1993, anschließend wissenschaftliche Assistentin an den Universitäten in Halle/Saale und in Marburg, Habiliation im Jahr 2001. Von 2002 bis 2008 arbeitet Bannenberg als Professorin für Kriminologie, Strafrecht und Strafverfahrensrecht in Bielefeld, derzeit als Professorin für Kriminologie an der Universität Gießen.

Die Landesrundfunkanstalten der ARD: BR, HR, MDR, NDR, Radio Bremen, RBB, SR, SWR, WDR,
Weitere Einrichtungen und Kooperationen: ARD Digital, ARTE, PHOENIX, 3sat, KI.KA, DLF/ DKultur, DW